Die täglich zwei bis vier oder mehr dreiviertelstündigen Meditationszeiten bedeuten, auf die eigene innere Wirklichkeit zu hören, sich ihr zu öffnen
und sie absichtslos zu durchleben. So wird die eigene Wahrheit ins Leben integriert.
Diese Meditationsweise hat Parallelen bei den christlichen Vätern des 5./6. Jahrhunderts; Benedikt von Nursia beispielsweise spricht vom "Wohnen
in sich selbst". Eine Parallele auf der methodischen Ebene besteht auch zur buddhistischen Vipassana-Meditation.
Die Meditationsmethode im Ashram Jesu ist von größtmöglicher
Einfachheit. Sie übt ein gelassenes, liebevolles, wachsames
Bei-sich-selber-Sein, das heißt bei dem sein, womit das eigene Bewusstsein
hier und jetzt beschäftigt ist. Die äußere Wirklichkeit, die in Form von
Gedanken und Sinneswahrnehmungen gegenwärtig ist, wird gelassen - nicht
abgehackt, - um bei der eigenen inneren Wirklichkeit einkehren zu können:
Körperempfindungen, Gefühlen, geistigen Gegebenheiten wie: Freude, Stolz,
Neid, Begehren, Urteilen, Streben, Offenheit, Trägheit, Unlust, ….
Aufgrund seiner entspannten Aufmerksamkeit empfängt der Übende, was je
jetzt ist, indem er es zulässt, wahrnimmt und annimmt. Und er lässt die
konkrete innere Wirklichkeit, die er meditiert hat, los, wenn sie reif
ist, gelassen zu werden. Sie ist dann mehr integriert und ihr Dasein
behindert ihn nicht mehr darin, sich anderen Impulsen zuwenden zu können
oder in tiefer Stille zu sein.
Der Meditierer übt dabei, sich Gott zu überlassen. Denn er sucht sich das
Objekt seiner Meditation ja nicht aus. Er meditiert nicht, was ihm
angenehm ist oder gut scheint. Er nimmt und verweilt bei dem, was jetzt
und hier ist, was gewissermaßen Gott ihm als Objekt seiner Meditation
zuteilt. Was immer der innere Impuls ist, dessen er gewahr wird, er ist es
wert, betrachtet zu werden. Denn hätte er vor Gott überhaupt keine
Bedeutung, es gäbe ihn gar nicht. Gott liebt alles, was da ist,
andernfalls hätte er es gar nicht geschaffen (vgl. Weish 11, 24-25). Und
überdies gilt: Jede gegenwärtige Wirklichkeit ist der Beginn eines Weges
zu Gott, auf dem der Meditierer geht, wenn er diese Wirklichkeit "durcherlebt"
bis sie sich öffnet auf ihren Grund hin. Denn Gott ist allem - es
transzendierend – immanent.
Folgendes Beispiel soll das Gesagte verdeutlichen: Ich könnte etwa in der
Meditation merken, dass ich immer wieder an eine bestimmte Begebenheit mit
meinem Freund denke. Ich interessiere mich dafür, was meine Aufmerksamkeit
daran bindet, und werde des Gefühls einer Enttäuschung bei mir gewahr. Im
Aushalten bei dieser Enttäuschung spüre ich Ärger. Im Bleiben bei meinem
Ärger wird mir klar, dass ich an einer bestimmten Erwartung hänge, die
mein Freund mir nicht erfüllt hat. Aufmerksam bei dieser Erwartung
verweilend, öffnet sie sich zum Beispiel auf meinen Stolz hin, der mir
nicht gestattet hat, ihm gegenüber zu mir zu stehen. Diesen Stolz mir
eingestehend erlebe ich, dass sich etwas in mir löst. Ich spüre
Erleichterung, Aufatmen, ja Erlösung und bin schließlich dankbar, erfüllt
von Freude und Liebe.
Da es also um Hingabe an die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks
geht, statt etwas tun, erreichen, herstellen, verändern zu wollen, hat der
Übende durch das Bleiben bei seiner Wirklichkeit die Chance, seine eigenen
Bilder und Vorstellungen von sich selbst, Gott und der Welt zu
korrigieren. Er übt sich so in Gelassenheit und in einem liebevollen,
barmherzigen Umgang mit sich und der eigenen Wirklichkeit. Wüstenväter des
5./6. Jahrhunderts haben in ähnlicher Weise gebetet. Hintergrund unserer
Methode ist das Geheimnis von Kreuz und Auferstehung Jesu, in dem sich
Gott als Schöpfer und Retter offenbart.