Die Sonntagsmesse ist "Quelle und Höhepunkt" und Sakrament des Ashram-Lebens, in dem wir die Eucharistie in Alltag zu übersetzen suchen.
Werktags betrachten wir gemeinsam Texte der Weltreligionen und der Bibel und tauschen uns darüber aus. Auf diese Weise lernen wir andere
Religionen kennen. In ihrem Spiegel werden uns Wahrheiten des Christentums manchmal neu bewusst.
Auch unsere Gottesdienste sind einfach. Nur sonntags findet eine
Eucharistiefeier statt. Damit greifen wir einmal eine Situation auf, die
heute schon Realität ist, morgen aber landauf, landab gang und gäbe sein
wird: es werden nicht mehr so viele Messen angeboten werden können, dass
auch für Berufstätige die Mitfeier möglich ist. Man wird also andere
Formen entwickeln müssen. Und zweitens wollen wir ChristInnen anderer
Konfession, ja auch Menschen, die keinen Zugang zum Christentum haben,
ermöglichen, im Ashram Jesu zu leben, ohne sich durch die Liturgie
zurückgesetzt oder ausgeschlossen zu fühlen.
Diese Regelung steigert de facto die Bedeutung der hl. Messe am Sonntag.
Rituell wird das Geheimnis von Jesu Kreuz und Auferstehung begangen, in
welches lebensmäßig einzuüben wir uns in unserer Lebensschule bemühen. Die
am Ashram Teilnehmenden sind frei, an der Messe ganz oder gar nicht
teilzunehmen oder sich aus ihr vor Beginn der eigentlichen Mahlfeier, also
nach Lesungen und Predigt, in Frieden zu verabschieden.
An den Werktagen begehen wir Wortgottesfeiern. Sie beginnen mit einer Zeit
der Stille und einem zum Ashram passenden Gebet. Im Mittelpunkt steht
sodann die persönliche und gemeinsame Betrachtung eines Textes einer
anderen Religion und eines Textes aus der Bibel. Das Entscheidende ist
dabei zu spüren, wo ein Wort aus einem dieser Texte mich persönlich
anspricht und Resonanz in mir hervorruft. Was der Text in mir anstößt,
kann ich dann auch kurz mitteilen. Der Gottesdienst schließt mit einer
Zeit gemeinsamen Gebetes, dem Vaterunser und dem Segen. Dieses
Gottesdienstmodell ist so schlicht, dass es auch zu Hause leicht und ohne
viel organisatorischen Aufwand zu realisieren ist. Denn, auch das lernen
die TeilnehmerInnen: wesentlicher für den Gottesdienst als eine
ausgefeilte Gestaltung ist die eigene Hingabe, der gesammelte Mitvollzug.
Und dieser wird durch "Weniger", durch Schweigen und Äußern eigener
Impulse gefördert.
Wir haben in diesem Rahmen nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen
Textauslegung, sondern den Wunsch, dass die Texte uns helfen, unsere
Wirklichkeit zu erschließen. Fragen, die sich daraus ergeben, können in
der Gruppe oder Lehre vertieft werden. Es gibt zwei Gründe, weswegen wir
Texte anderer Religionen im Ashram verwenden. Der eine ist, auf diese
Weise andere Religionen kennenzulernen, nachdem wir auch in Deutschland in
einer mehr und mehr multireligiös werdenden Gesellschaft leben. Der andere
ist, dass uns die Fremdheit hilft, unsere eigene Schrift neu zu sehen;
herauszukommen aus Wahrnehmungsschablonen und gängigen
Interpretationsmustern, die uns möglicherweise immunisieren, wo doch
Tiefergraben angesagt ist.